Boris Becker und der Poker-Zirkus: Vom Centre Court zum Final Table?

Veröffentlicht am 26/10/09 - bei Nicolas Reuss Nachrichten

Seit Boris Becker aus der aktiven Sportler-Laufbahn ausschied, hatten die Schlagzeilen über ihn weniger den Charakter von Erfolgsmeldungen als von je nach Geschmack des Lesers mehr oder minder interessanten Skandal-Histörchen. Scheidung, One Night Stand mit Folgen, Blitzverlobung mit It-Girl Sandy Meyer-Wölden mit anschließender SMS-Trennung, wobei boulevardmedial nie geklärt werden konnte, wer mit wem Schluss machte: Das war's im Wesentlichen, was man von der Ex-Tennislegende hörte. Dann folgte die Rückkehr zur Ex, und vom Dementi ("Wir sind nur Freunde") bis zu Hochzeit und Babybauch-Fotos der zweiten Frau Becker verging weniger als ein Jahr. Lange gefackelt hat Becker eigentlich noch nie, weder im Leistungssport noch im Privatleben.

Weniger wahrgenommen wurde, dass er sich auch als Rennfahrer, Golfspieler, Werbe-Ikone und Geschäftsmann versucht hat und laut über eine Karriere als Fußballtrainer nachdachte. Doch so richtig klappen wollte es einfach nicht mit dem neuen Image, der neuen Identität, was den Spiegel aktuell zu einer wenig schmeichelhaften Einschätzung veranlasst: „Er lebt vom Ruhm und Geld vergangener Tage, und manchmal spürt man, dass ihm das bewusst ist. Dann kriecht die Furcht hervor, dass der Höhepunkt bereits vorbei sein könnte. Ein junger, alter Mann. Ein Frührentner. Ein Luxus-Arbeitsloser."*

Harte Worte, aber von der reichlich vorhandenen Kritik gegen seine Person hat Becker, das muss man ihm lassen, sich noch nie beirren lassen. Ohne den sportlichen Wettkampf und das Kräftemessen mit anderen so scheint es, kann das Wunderkind a. D. nicht leben - und darum setzt er die Suche nach einem neuen Betätigungsfeld mit unbeirrbarer Dickfelligkeit fort, ohne sich um böse Zungen zu kümmern.

Was also macht Becker, den so viele im Niemandsland zwischen Has-Been und nicht klar definierter Zukunft sehen und der demnächst zum vierten Mal Vater wird, im Herbst 2009?

Überraschung: Er tritt bei der WSOPE in London an. Nun, er hat's nicht weit - schließlich hat er vor kurzem ein Haus in der Nähe von Wimbledon, dem Schauplatz seiner großen Tage, gekauft. Ist das schon alles? Noch ein halbherziger und zum Scheitern verurteilter Versuch, an alte Wettkämpfertraditionen anzuknüpfen?

Dieses Mal sollten alle, die sich gerne am Karriereloch und Elend ehemaliger Erfolgsfiguren weiden, die den psychischen Zusammenbruch von Britney Spears ebenso spannend finden wie die Becker'sche Besenkammer-Beziehung, Vorsicht walten lassen. Denn Becker hat die Phase der Promi-Pokerturniere bei Raab und Konsorten schon längst hinter sich gelassen. Trainierte mit mehreren Profis, trat bei Spielen in Vegas, auf den Bahamas, aber auch bei Turnieren in Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Im April 2009 war er der letzte deutsche Spieler, der bei der WPT im Bellagio noch im Rennen war - und zwar vor Scotty Nguyen, Annie Duke, Howard Lederer und Daniel Negreanu. Und auch Sven Stiel, der Marketingchef von PokerStars, der Becker bei der Vermarktung als Pokerspieler assistiert, war da schon nicht mehr mit von der Partie. Stiel hält seinen Schützling für prädestiniert für die Profi-Karriere: „Er kann gut um Tennis spielen. Er hat doch beim Tennis nichts anderes gemacht. Seit er 15 war, spielte er um Geld." *

Becker selbst sagte mehrfach, die Poker-Welt erinnere ihn an sein altes Leben im Profi-Tennis. Er spielt Turniere, Cash Games und Home Games mit der Frau an seiner Seite, Lilly, die zugibt, trotz Berufserfahrung als Casino-Croupier meist zu verlieren. Becker als Poker-Profi? Bedenkt man, wie viele andere Sportler professionell Poker spielen und Parallelen zwischen den Disziplinen sehen, weil es letztlich der Wille zum Wettbewerb ist, der sie antreibt, erscheint das jedenfalls weniger absurd als die Vorstellung von Becker als Business-Mann mit Bürojob, die er ebenfalls schon zu verkaufen versuchte.

Am Spieltisch hätte er einen Vorteil: Im Gegensatz zum Hochleistungssport musste hier noch nie jemand aus Altersgründen den Rückzug antreten. Becker müsste also nicht zum zweiten Mal die bittere Erfahrung machen, mit dem Abschied vom Turnierzirkus alles zu verlieren, was bislang seine Persönlichkeit ausmachte. Ob die nun allerdings im Moment eher Ehemann und Vater, angehender Poker-Profi, Werbeträger oder alles zusammen ist, das gehört auch bei einem der Lieblingskinder des Boulevard in den Bereich des Privaten. Vielleicht wollen wir es auch gar nicht so genau wissen, sondern lieber unseren neuen, alten Helden am Spieltisch anfeuern - wäre doch mal was anderes.

* Zitate entnommen aus: Jochen-Martin Gutsch, „Junger, alter Mann," in: Der Spiegel, Nr. 38/2009, erschienen am 14. September 2009, S. 60-64.