Im Casino geht es gerechter zu als im Kapitalismus, meint Spiegel-Autorin Barbara Supp in Heft Nr. 24, 8. Juni 2009. Ein Kommentar zum Kommentar. Seit im Spätsommer 2008 die Investmentbank Lehmann Brothers zusammenbrach und das ganze Fiasko eines unkontrollierten Finanzmarktes mit seinem Filz aus Hedgefonds, obskuren Derivaten, Schrottpapieren und notleidenden Krediten offensichtlich wurde, gibt es im offiziellen Sprachgebrauch einen Namen für das Gebaren der Banker, die schuld sind an der Misere: Casinokapitalismus.

Wie Jetons in der Spielbank, schimpfen Politiker und geprellte Anleger im Chor, hätten die Manager das Geld ihrer Kunden behandelt, damit ge- und sich schließlich verzockt. Der tatsächliche Wert angeblich renditeträchtiger Kapitalanlagen, Wertpapiere oder Immobilien entspreche dem einer schlechten Poker-Hand oder der falschen Zahl beim Roulette - nämlich Null. Es passt alles, und dann ist da noch die griffige Alliteration: Kasino-Kapitalismus.

Im Vorfeld der Bundestagswahl war kürzlich zu erfahren, wie die frischgebackene Staatsbank Hypo Real Estate, selbst tief in den Miesen und mit Milliarden Steuergeldern vor dem Kollaps bewahrt, Kleinanleger terrorisiert, die sich unrentable Immobilien andrehen ließen und nun die Raten dafür nicht mehr bedienen können. Die Methoden erinnerten an die Inkasso-Prozeduren der illegalen Spielerwelt, wie sie uns gerne in Filmen wie „21" oder „Rounders" näher gebracht werden. Der entfesselte, deregulierte Markt - eine große Spielhölle, in der „Verantwortungsvolles Spiel", Pflichthinweis in jedem Casino, ein Fremdwort ist?

Szenenwechsel. Casino Baden-Baden. Vor einigen Wochen wurde hier der NATO-Geburtstag gefeiert. Da mussten die Spieltische raus, nichts im Florentiner Saal, dem Ort der Festlichkeiten, durfte noch an dessen sonstige Funktion erinnern, zu sehr fürchteten die Veranstalter die Häme des Vergleichs, der vielen so leicht über die Lippen kommt In allen offiziellen Publikationen wurde der Veranstaltungsort als „Kurhaus" bezeichnet. So berichtet es Spiegel-Autorin Barbara Supp: „Casinokapitalismus, so wird das genannt, was draußen die Welt nahe an den Untergang gebracht hat. Was ungerecht ist, dem Casino gegenüber." Dieses, so Supp, sei nicht nur „schöner als ein Sparkassenberatungszimmer und gerechter als ein Bankberater", sondern vor allem „ist es nicht wie im Kapitalismus: Nichts ist so reguliert wie das Spiel am grünen Tisch. An jedem Tisch sitzt so ein Beobachter. Für den Streitfall zeichnet eine Kamera alles auf. Der Staat nimmt 80 Prozent der Einnahmen und schickt seine Finanzleute, um scharf zu kontrollieren."

Die Metapher bringt die Casinos in Misskredit und eine Branche in Verruf, die sich immer schon im Spannungsfeld zwischen staatlicher Einnahmequelle und Verbot, zwischen, Kronleuchtern und Kleiderordnung hier und verrauchtem Hinterzimmer da, Legalität und Illegalität, edlem Ambiente und Anrüchigkeit behaupten musste. Ein großer Teil der Anziehungskraft des Glücksspiels lag immer auch in diesem Hauch von Verbot, von Verruchtheit und Dekadenz. Man kokettierte mit diesem Image, trug es zu Markte, lebte davon. Doch die Diskreditierung, die durch die Gleichstellung mit den geschmähten Finanzmärkten erfolgt, hat eine andere Dimension: Dieser Metapher wohnt nicht mehr der Charme des Halblegalen inne, sondern weckt Assoziationen mit verlorenen Eigenheimen, zerbrochenen Träumen, gekündigten Stellen, verzweifelten Schuldnern, die vom Gerichtsvollzieher aus ihren Häusern gejagt werden.

Angesichts solcher Diffamierung platzte Pokerprofi Howard Lederer schon im April der Kragen: „Beim Poker geht es um kontrollierte Aggression, und nicht um blanken Irrsinn", wehrte er sich gegen den Vergleich mit den Zockern von der Wall Street. Im Gegenteil: Mancher Broker könne vom strategischen Geschick der Kartenspieler einiges lernen - zum Beispiel das Wissen, wann man aussteigt und auf bessere Karten wartet. Die Biographie von Pokerprofi Dan Harrington unterstreicht das: Der ist mit seiner Firma für Anlageberatung genau so erfolgreich wie am Spieltisch - und zwar immer noch. Krise? Welche Krise? Harrington war immer einer von denen, die mathematische Strategie predigten. Besonnenheit statt Bluff. Größe statt Größenwahn. Zurückhaltung statt Zocken. Hold'em statt Hedgefonds?

„Die Kugel im Roulettekessel behandelt jeden gleich", schreibt Supp in ihrem Artikel. Die Krise nicht. Da gibt es Pleitiers und Profiteure, und während die einen noch die Scherben ihrer Existenz vom Boden kratzen, brüllen die ewig unbelehrbaren Apologeten des radikalen Marktliberalismus schon wieder nach mehr Deregulierung. Es ist ein bisschen wie beim GAU von Tschernobyl. Da waren alle Atomkraftgegner. Nur wenig später ächzte man unter den steigenden Energiekosten, Atomstrom war billig - und plötzlich erinnert sich selbst das Ausstiegs-Musterland Schweden nicht mehr an die Bilder von grauenhaften Strahlunsgverbrennungen und jahrelangem Siechtum. Das kollektive Katastrophengedächtnis scheint nie weiter zu reichen als bis zur ersten Rechnung über die Kosten der Prävention.

Und die Spielbranche? Müsste eigentlich profitieren - so war das jedenfalls, früher mal. In schlechten Zeiten hatte Baden-Baden Hochkonjunktur. Diesmal ist alles anders. 20 Prozent Umsatzeinbußen verbuchten deutsche Spielbanken im ersten Quartal. In den USA beklagen Pokerspieler wie Barry Greenstein, die hauptsächlich von Cash Games leben, ähnliche Verluste - auch den Millionären, deren Vermögenswerte um bis zu zwei Drittel geschrumpft sind, hat die Krise gründlich die Lust versalzen, sich einmal im Bellagio von einem Weltmeister ausnehmen zu lassen.

Greenstein spendet seine Turniereinnahmen trotzdem weiter für Entwicklungshilfe und Krebsforschung. Bei den Herren von der Deutschen Bank müssen wir schon dankbar sein, wenn die „großzügig" mal ein Jahr auf Ihre Boni verzichten. Schließlich haben sie doch nichts falsch gemacht.

Spiegel-Redakteurin Supp stellt am Ende ihres Artikels fest: Nein, es sei nicht wie im Kapitalismus. Im Casino wissen alle, dass sie spielen. Und noch etwas unterscheidet die Profis an den Poker- und Black Jack-Tischen von Bankmanagern: Sie lernen aus ihren Niederlagen.