Die Poker-Ladies, Teil 1: Liz Lieu

Veröffentlicht am 30/09/09 - bei Nicolas Reuss Nachrichten

Das Fernsehen sei das Medium der bewegten Bilder, Poker jedoch das Spiel der sitzenden Männer, lästerte ein Focus-Redakteur, als das DSF die Poker-Berichtserstattung aufnahm. Sie ist die lebende Widerlegung des zweiten Teils der Behauptung: Liz Lieu, die Poker-Diva, wirkt wie der wandelnde Gegenentwurf zu einer Pokerwelt, die die längste Zeit eine Männerdomäne gewesen sein dürfte.

Geboren ist sie in Vietnam, aufgewachsen in Colorado. Die Mutter war chinesischer Herkunft, gelebt wurde in Lieus Elternhaus vietnamesische Tradition, und die Eltern ermahnten die beiden Töchter nachdrücklich, niemals ihre Herkunft zu vergessen. So hat sie den Wert einer verlässlichen kulturellen Identität schätzen gelernt, und die Verbundenheit zu einem Land, dass ihr noch immer als Heimat gilt, lässt sie bis heute beträchtliche Teile ihrer Poker-Gewinne in Hilfsprojekte vor Ort investieren.

Und die können sich sehen lassen, denn die Diva ist nicht nur bildschön und charmant, sondern auch ausgesprochen erfolgreich, was sie zunächst in Cash Games unter Beweis stellte, ehe der befreundete Profi John Phan sie 2005 überzeugen konnte, ihr Debüt bei der WSOP zu geben. Da hatte sie schon einige Jahre als Profi hinter sich und ein ansehnliches Guthaben angesammelt.

Lieu spielte bereits mit 13 Jahren Chinese Poker, später war sie gemeinsam mit einer Freundin Gastgeberin privater Cash Games. Was zunächst eher Hobby und Nebenverdienst war, wurde zur ernstzunehmenden beruflichen Option, als Lieus Vater einen Herzinfarkt erlitt. Die Eltern Lieu hatten Zeit ihres Lebens hart gearbeitet, um ihren Töchtern eine Perspektive zu geben. Als der Vater nur knapp dem Tod entging, hielt Liz die Zeit für gekommen, ihrerseits den Eltern den Rückzug aus dem stressigen Arbeitsalltag zu ermöglichen, und begann, ihre Poker-Aktivitäten auszubauen, um davon die Familie zu ernähren.

Seit ihrem WSOP-Debüt, bei dem ihr ein fünfter Platz im NLHE über 160 000 Dollar bescherten, spielt sie zahlreiche Turniere, bei denen sie regelmäßig gut abschneidet. Die L.A. Poker Classics gewann sie und wurde für diesen ersten Sieg mit einer halben Million Dollar belohnt. Von Anfang an spendete sie zwanzig Prozent ihrer Turniereinnahmen für unterschiedliche humanitäre Projekte.

Dieser Teil ihres Lebens gewann an Bedeutung, als ihr Vater 2007 den Kampf gegen seine gesundheitlichen Probleme verlor. Der Verlust warf sie aus der Bahn. Eine lange Reise nach Vietnam folgte, wo sie sich in Übereinstimmung mit der dortigen Trauerkultur noch mehr als bisher für hilfsbedürftige Menschen einsetzte, was sie in einem Interview einmal so beschrieb: „In unserer Kultur vertraut man bei seinem Tod auf die eigenen Kinder. Die Seele Verstorbener findet sich auf der Reise durch das Jenseits leichter zurecht, wenn die Angehörigen im Diesseits in ihrem Namen und zu ihrem Gedenken verdienstvolle Dinge tun."

Mehrere Monate lang reiste sie durchs Land, setzte sich für Opfer von Naturkatastrophen, Kriegsversehrte und Waisen ein, spendete Reis und Kleidung, versuchte, krebskranken Kindern ihre letzten Wünsche zu erfüllen. Auf ihrer Website berichtet die regelmäßige und ausführliche Bloggerin ausführlich über diese Erfahrungen, die sie mit zahlreichen Fotos illustriert. Dass ihr das Englische noch immer Fremdsprache ist, merkt man manchen Formulierungen an - die Eltern, so berichtet Lieu, hätten den Gebrauch der Muttersprache in ihrem Heim groß geschrieben und den Töchtern verboten, sich zu Hause auf Englisch zu unterhalten, damit die Mädchen Chinesisch und Vietnamesisch lernten.

Nach den Turniererfolgen der Jahre 2005 und 2006 wurde sie 2007 von Chili-Poker unter Vertragt genommen. Sie spielt online und fungiert als Poker-Botschafterin, findet jedoch zwischen den Einsätzen am Spieltisch jedes Jahr Zeit für ausgedehnte Reisen nach Asien, wo sie sich um die Menschen und Projekte kümmert, die ihr am Herzen liegen.