Neuer Blick auf Glücksspielsucht

Neuer Blick auf Glücksspielsucht

Veröffentlicht am 26/10/10 - bei Nicolas Reuss Nachrichten

Glücksspielsucht ist, wie alle anderen Süchte auch, ein heikles Thema. Aber sie ist ein Thema, mit dem man sich beschäftigen sollte. Gerade, wenn man selbst gerne im Online Casino spielt, an Sportwetten teilnimmt oder regelmäßig seinen Lottoschein abgibt. Wenn man spielt, sollte man sich selbst immer gut im Auge behalten, denn verantwortungsvolles Spielen hilft, einer Sucht entgegenzuwirken. Wissenschaftler der Universität Barcelona haben jetzt vier unterschiedliche Typen zwanghaften Spielens ausgemacht und forcieren einen neuen Blick auf die Glücksspielsucht.

Im „Canadian Journal of Psychiatry“ haben die Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer Studie kürzlich veröffentlicht. Das Fazit der Studie ist eindeutig: Bisher wurden die unterschiedlichen Spielsüchtigen über einen Kamm geschert, dabei gibt es unterschiedliche Ausprägungen der Sucht. „Wir brauchen verschiedene Behandlungen für jede Untergruppe krankhafter Spieler“, so Susana Jiménez Murcia, Leiterin der Studie. Nur so sei im Verlauf einer Therapie überhaupt gewährleistet, die unterschiedlichen Bedürfnisse der Patienten abzudecken.

Zwei Typen dominieren

Auch Chantal Mörsen von der Abteilung Glücksspielsucht der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charite Berlin erklärt: „In der Behandlung von Spielsüchtigen dominieren besonders zwei Typen. Für den einen ist das Spiel ein Medikament, für den anderen eine Anregung“. Im ersten Fall wird das Spielen – und das kann sowohl Glücksspiel als auch jede andere Form des Spielens sein – dazu verwendet, eine Angst zu überdecken, einer Depression zu entgehen. Das Spiel ist ein Mittel der Flucht und der Vermeidung von Problemen. Zu dieser Gruppe „gehören oft auch Frauen, obwohl Glücksspielsüchtige sonst meist Männer sind“, so Mörsen.

Die zweite Hauptgruppe, in die sich Glücksspielsüchtige in der Regel einteilen lassen, sind Menschen, bei denen der Nervenkitzel im Vordergrund steht. „Diese Menschen holen sich ihren Kick durch das Spielen um Gelde. Es geht ihnen dabei stets ums Hoffen und Beten. Das ist beim Roulette oder bei den Sportwetten der Fall, weniger jedoch bei Automaten“, so Mörsen. Die Suche nach einem hohen Risiko beschränkt sich bei diesen Menschen oft nicht nur auf das Spiel, hier begegnet man gleichzeitig zur Glücksspielsucht oft auch anderen Süchten, wie Alkohol – oder Drogensucht.

Wie künftig Süchte behandeln?

Für die Psychologen und Therapeuten ist das Thema der unterschiedlichen Suchttypen so wichtig, weil sie einen Einfluss auf den Verlauf einer Behandlung haben. Bisher wurde Spielsüchtigen eine „Störung der Impulskontrolle“ attestiert und sie auch dahingehend therapiert. Doch in der Fachwelt ist dieses Vorgehen schon lange ein Streitthema, da es bei den Betroffenen große Unterschiede gebe. Genau das bestätigt jetzt auch die spanische Studie. Künftig soll deshalb eine Kategorie der „Verhaltens- und Substanzsüchte“ geschaffen werden, unter die auch die Spielsucht fallen würde.

Auf dieser Grundlage könne „die Wirksamkeit der Therapien (...) besser erforscht, Medikamente für Rückfallprophylaxe überprüft und die Kostenübernahmen verbessert werden. Schulische Präventionsarbeit wäre möglich und Glücksspieler erhielten besseren Zugang zur Suchthilfe“, erklärt Mörsen. Darüber hinaus müsse jedoch auch die Gesellschaft dafür sensibilisiert werden, dass Glücksspielsucht eine Erkrankung sei und nichts mit „zusammenreißen und weniger spielen“ zu tun hat.