Quo vadis, Casino? oder: Die fetten Jahre sind vorbei

Veröffentlicht am 02/07/09 - bei Nicolas Reuss Nachrichten

Deutsche Casinos leiden angeblich unter der Wirtschaftskrise: Einige der insgesamt 80 Spielbanken in der Bundesrepublik verzeichnen seit Anfang 2009 so massive Umsatz- und Besucherzahleneinbrüche, dass ihre Existenz gefährdet ist. Das geht aus Berichten von Europas größtem Casino-Nachrichtendienst ISA-GUIDE hervor. So stehen aktuellen Informationen zufolge beispielsweise im Casino Hohensyburg 60 bis 100 Stellen auf dem Spiel.

Die Betreiberfirma Westspiel allerdings weißt jede Schuld an der Misere von sich. Trotz der massiven Kritik von Stammgästen an Disco- und Flirtparties, die mit seriöser Casinoatmosphäre nichts mehr zu tun hätten, sieht Westspiel die Gründe für die desolate Wirtschaftslage des Casinos ausschließlich in der Finanzkrise und in angesichts dessen „utopischen Gehaltsforderungen" der Mitarbeiter: Laut Westspiel-Chef Horst Jann fehlen die Mittel für vor einem Jahr zugesicherte Erhöhungen der seit 13 Jahren unveränderten Löhne.

Ähnlich wie Managern aus anderen Branchen scheint die Krise einigen Casinobetreibern durchaus gelegen zu kommen, um das eigene betriebswirtschaftliche Versagen zu kaschieren. Hatte zuletzt der nachweislich lange vor Beginn der Krise ins Schlingern geratene Arcandor-Konzern versucht, die unausweichliche Insolvenz mit Mitteln aus Staatstöpfen zur Konjunkturbelebung abzuwenden, so bescheinigt auch Hans-Joachim Höxter in einer für die ISA verfasste Analyse vielen Casinos hausgemachte Probleme, die wenig mit der Wirtschaftskrise zu tun haben.

Fehlende Zielgruppenkommunikation, schlechtes Marketing, ungünstige Geschäftslage, ein Spielangebot, das den Interessen der Besucher nicht oder nicht mehr gerecht wird - das sind einige der Kritikpunkte, die er vorbringt. Auch das Rauchverbot habe viele Gäste aus den Spielbanken getrieben und sei eine ernstere Existenzgefährdung als die gesunkene Wirtschaftskraft der Spielfreudigen. Darüber hinaus hätten deutsche Casinos schlicht und einfach „den Markt verschlafen", beispielsweise auf den Texas Hold'em-Trend viel zu spät reagiert.

Klar ist, dass es bereits letztes Jahr in Casinos in Niedersachsen und Hessen zu Entlassungen aufgrund von Umsatzeinbrüchen kam. Wie andere Branchen vor ihr wird die Spielindustrie Ursachenforschung betreiben müssen: Welche Rolle spielt die Online-Konkurrenz? Was erwartet das Publikum heute? Diesen Problemen mussten sich in den vergangenen Jahren bereits Musikindustrie und Kinobranche stellen, und in keinem Fall ging es ohne eine mit erheblichen Härten für die Betroffenen verknüpfte „Flurbereinigung" ab, an deren Ende ein veränderter Markt stand.

Und wie bei jeder Branchenkrise stellt sich auch die Frage: Handelt es sich um einen konjunkturellen oder einen strukturellen Einruch? Ist die Unterhaltungsform Casino, bedingt durch Heim-, Online- und Mobilangebote auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit? Wie kann sich die Marke Casino mit ihrem exklusiven Nimbus neben den billigen und ständig verfügbaren Angeboten behaupten? Was lässt sich von anderen Branchen lernen, die solche Krisen bereits überwunden haben? Trotz Musicdownloads und Filesharing: Noch immer werden CDs gekauft, noch immer gehen Besucher ins Kino. Ein Trost dürfte das für die Angestellten von Hohensyburg oder Wiesbaden aber kaum sein. Es liegt in der Natur von Umstrukturierungen, dass sie stets auf dem Rücken der Arbeitskräfte ausgetragen werden. Und auch die öffentliche Hand - mit anderen Worten: wir alle - wird den Wegfall von Casinogewinnen, mit denen manche gemeinnützige Aufgabe finanziert wird, schmerzlich empfinden.