Von Binokel bis Skat - traditionelle deutsche Kartenspiele

Veröffentlicht am 24/07/09 - bei Nicolas Reuss Nachrichten

Es muss nicht immer Black Jack sein. Viele der Kartenspiele, die nicht im Casino institutionalisiert sind, gelten als nicht besonders „sexy". Betulich, bieder, altväterlich, spießig - das sind nur einige der Attribute, die Doppelkopf, Rommé & Co. nachgesagt werden. Während Poker mit glamourösen Großveranstaltungen wie der World Series lockt, Casinos Hold'em-Seminare anbieten und immer mehr Menschen online das Kartenglück herausfordern, fristen die traditionelleren Verwandten der angesagten Spiele ein Schattendasein am Stammtisch oder im Bierfestzelt. Zu Unrecht?

Zugegeben, Mau-Mau, Schwarzer Peter, Elfer Raus und Uno gehören sicher in den Bereich kindlicher Unterhaltungsformen - sehr viel Nervenkitzel oder intellektueller Anspruch lässt sich aus diesen familientauglichen Spielen jedenfalls nicht herausholen (was nichts über den Spaßfaktor aussagt, der ihnen durchaus innewohnen kann). Das gilt für die meisten so genannten Ablegespiele, deren simples Prinzip darin besteht, möglichst schnell alle Spielkarten loszuwerden.

Anders sieht es schon beim aus dem württembergischen Raum stammenden Binokel aus, dass sich inzwischen weit über das Ländle hinaus in Europa und den USA einer stetig wachsenden Anhängerschaft erfreut. Die Regeln können je nach Region voneinander abweichen, insbesondere, was die Prioritätenreihenfolge beim Ausspielen (Stich- oder Trumpfzwang) betrifft. Gespielt wird mit einem doppelten württembergischen Blatt und meist mit drei oder vier Teilnehmern. Eine Anleitung gibt es beispielsweise hier: http://www.petermangold.de/binokel_spielregeln.htm. Schwäbischkenntnisse sind zum Verständnis des Spiels nicht unbedingt nötig, aber mitunter hilfreich, da es in seinem Herkunftsland eine höchst eigenwillige Terminologie entwickelt hat. Oder wissen Sie, was Schippen und Bollen sind oder welche Karte mit einer Sau gemeint ist?

Ebenfalls aus dem Schwäbischen stammt Gaigel, das Spiel hat mit Binokel die Verwendung des doppelten Blattes gemeinsam, ist jedoch deutlich einfacher zu erlernen. Gaigel zählt wie Doppelkopf, Schafkopf oder Skat (Farbspiel) zu den so genannten Augenspielen, deren Ziel es ist, so viele Kartenpunkte wie möglich zu sammeln. Es ist im Großen und Ganzen eine regionale Variante des in Deutschland und Österreich bekannten Sechsundsechzig, das mit zwei, drei, vier oder sechs Personen gespielt wird. Eine detaillierte und gut verständliche Anleitung bietet die privat betriebene Internetseite Historisches Württemberg: http://www.historisches-wuerttemberg.de/kultur/gaigel/drucken.html.

So genannte Stichspiele haben es oft in sich, was ihr nicht selten komplexes Regelwerk anbelangt. International sind Whist und Bridge populäre Vertreter dieser Gattung. Eine vergleichsweise leicht verständliche Variante ist das bayerische Wallachen, das in der deutschsprachigen Wikipedia näher erklärt ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Wallachen. Im Rheinland gibt es das Tuppen, andernorts auch Schröömen genannt, das mit einem einfachen Skatblatt gespielt wird. Selbst in diesen regional stark begrenzten Kartenspielen können Liebhaber ihre Kräfte bei Turnieren messen.

Zu den Stichspielen gehört auch das Spiel aller Spiele, das deutsche Kartenspiel schlechthin: Skat. Jedenfalls beim Nullspiel. Man ahnt es schon: Dabei handelt es sich um eine diffizile Angelegenheit, nach Meinung vieler Anhänger eine regelrechte Wissenschaft. Erfunden wurde das Spiel im thüringischen Altenburg, wo auch der Deutsche Skatverband seinen Sitz hat (der in den Jahren der Teilung in Bielefeld unterkam) und seit dem 1. Dezember 2001 gar das Internationale Skatgericht über strittige Fälle entscheidet. Seiner thüringischen Wiege ist das Spiel dennoch längst entwachsen - es gibt eine Bundesliga, einen nationalen (DSKV) und einen internationalen Verband (ISPA) und inzwischen sogar den Deutschen Online-Skatverband (DOSK). Skat galt lange Zeit als ausgesprochene Männerdomäne, und zumindest an den Skattischen in Kneipen ländlicher Gegenden ist so etwas wie Gleichstellung noch lange nicht verwirklicht. Doch die Mädels holen auf - im Internet und bei Meisterschaften. Die Regeln sind mitsamt ihrer regionalen und sonstigen Varianten auf allen Verbandsseiten zu finden, wer Anekdoten und Wissenswertes rund um Bock und Ramsch lesen will, wird im Skat-Lesebuch von Bernd Imgrund fündig (ISBN: 3895333662).